Nicole Marx, Matthias Schwendemann und ich leiteten bei der 48. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) in Trier eine Arbeitsgruppe zur Sprachentwicklung Neuzugewanderter in deutschen Schulen (24. bis 27. Februar 2026). Im heutigen Beitrag findet man das Abstract für unsere AG sowie die Abstracts für die einzelnen Vorträge. Außerdem erfährt man mehr über das neue interdisziplinäre und deutschlandweite Forschungsnetzwerk LANDINGS, das wir auf der Tagung vorstellten.
Weitere Lese- und Webseitentipps zur Sprachentwicklung von Neuzugewanderten findet man in einem früheren Blogbeitrag. Dieser Beitrag enthielt auch Links zu Blogbeiträgen bzw. Webseiten mit Fachliteratur, Informationen über Projekte und praktische Tipps zu Gärten in Bildungseinrichtungen für Neuzugewanderte. Mein heutiger Sprachspinat-Tipp schließt daran an und informiert über zwei weitere aktuelle Projekte zur Sprachbildung im Garten, darunter eines, zu dem ich selbst beitrage.
Abstract der Arbeitsgruppe bei der DGfS-Jahrestagung
Aktuell machen Zugewanderte etwa 13% der Gesamtpopulation im Alter von 5-20 Jahren in Deutschland aus, wobei ca. 9% erst im schulpflichtigen Alter immigriert sind – eine deutliche Erhöhung gegenüber nur 3-5% im Jahr 2019 und nur 1% im Jahr 2013 (https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/12711/details). Diese Lernenden erlernen die deutsche Sprache i.d.R. erst ab dem Eintritt in das deutsche Bildungssystem, wo sie in unterschiedlichen Modellen – entweder direkt oder nach kurzer Zeit – den (deutschsprachigen) Fachunterricht gemeinsam mit nicht Zugewanderten belegen. Somit ist das zügige Erlernen der deutschen Sprache ein zentrales Ziel für deren schulischen Integration. Allerdings spiegelt sich die steigende bildungspolitische Bedeutung von neuzugewanderten Schüler:innen und ihrer sprachlichen Entwicklung nicht im aktuellen Forschungsstand wider (Fleckenstein et al. 2021; Gamper et al. 2020; Twente & Marx eingereicht): Sprachliche Fähigkeiten und Entwicklungsverläufe der Zielgruppe werden kaum – oder kaum aussagekräftig – erhoben. So erfassen selbst Großstudien wie PISA oder NEPS nur kleinere und heterogene Stichproben Neuzugewanderter und sind daher in ihrer Aussagekraft eingeschränkt, während auch spezifisch ausgerichtete, umfangreichere Untersuchungen wie ReGES primär soziale und allgemeine bildungsbezogene Faktoren – aber nicht Sprache – erheben. Die wenigen Forschungsarbeiten, die explizit auf Sprachkompetenzen abzielen, basieren typischerweise auf kleinen, nicht-repräsentativen Stichproben ohne longitudinales Design und konzentrieren sich häufig auf spezifische Subpopulationen. Die Beiträge der AG sollen vorhandene Ergebnisse zusammentragen, methodische und ethische Probleme diskutieren, dringende Forschungsdesiderata herausarbeiten, und die Basis für kooperative Forschungsprojekte zur sprachlichen Entwicklung dieser Schüler:innen unter verschiedenen schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen bilden.
Literaturangaben
- Fleckenstein, Johanna, Débora B. Maehler, Steffen Pötzschke, Howard Ramos & Paul Pritchard. 2021. Language as a predictor and an outcome of acculturation: A review of research on refugee children and youth. In Sieglinde Jornitz & Annika Wilmers (eds.), International perspectives on school settings, education policy and digital strategies. A transatlantic discourse in education research, 110–119. Leverkusen-Opladen: Verlag Barbara Budrich.
- Gamper, Jana, Nicole Marx, Evelyn Röttger & Dorotheé Steinbock (eds.). 2020. Themenschwerpunkt Beschulung von Neuzugewanderten. Informationen Deutsch als Fremdsprache (InfoDaF) [Special issue]. Info DaF, 47(4).
- Twente, Leonie & Nicole Marx. eingereicht. How do we research language skills and linguistic repertoires of newly immigrated students? A scoping review of studies in German-majority contexts.
Beiträge in der AG
Zu den Abstracts der Beiträge gelangt man durch Klicken auf die Titel:
- Rosemarie Tracy (Universität Mannheim): Sprungbrett Quereinstieg
- Leonie Twente (Universität zu Köln): Zugang zur Zielsprache Deutsch und rezeptive Sprachfähigkeiten bei neuzugewandertern Schüler:innen
- Nicole Marx (Universität zu Köln), Christine Czinglar (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Sonja Eisenbeiß (Universität zu Köln), Franziska Förster (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Jana Gamper (Justus-Liebig-Universität Gießen), Julia Ricart Brede (Universität Passau), Julia Schlauch (Justus-Liebig-Universität Gießen), Matthias Schwendemann (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) & Katrin Wisniewski (Universität Leipzig): Die Sprachentwicklung neuzugewanderter Schüler:innen in deutschen Schulen: das multi-site Forschungsvorhaben „LANDINGS“
- Das Zusammenspiel des gesamtsprachlichen Repertoires eines L1-arabisch- und L2-deutschsprachigen Seiteneinsteigers der Sekundarstufe beim Schreiben
- Die Sprachentwicklung neuzugewanderter Schüler:innen in deutschen Schulen
- Entscheidungsfaktoren am Übergang von der Vorbereitungsklasse in den Regelunterricht: Eine qualitative Pilotierungsstudie
- Perspektiven von Lehrer:innen auf Textprodukte neuzugewanderter Schüler:innen in Beschulungskontexten
- Julia Schlauch (Justus-Liebig-Universität Gießen), Aylin Braunewell (Justus-Liebig-Universität Gießen) & Jana Gamper (Justus-Liebig-Universität Gießen): Die Entwicklung von Verbstellung und Nominalgruppen in Texten neu zugewanderter Schüler:innen. Ein lernerkorpuslinguistisches Projekt in Intensivklassen
- Magdalena Michalak (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) & Lisa Schor (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): Entwicklung argumentativer Kompetenzen bei neuzugewanderten Schüler:innen sichtbar machen. Befunde aus dem Projekt ForEST
- Natalia Gagarina (Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft Berlin): Monitoring der Sprachstandsentwicklung von Neuzugewanderten in deutschen Schulen
- Anja Binanzer (Technische Universität Dresden), Hagen Hischmann (Humboldt-Universität zu Berlin) & Miriam Langlotz (Universität Kassel): Die Integration und Auswertung von Daten neuzugewanderter Schüler:innen in NaLeKo
- Onur Özsoy (Universität zu Köln) & Angela Schmidt (Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft): Variation bei Sprachkompetenzen von neuzugewanderten Kindern im Bildungssystem
- Maxi Kupetz (Universität Leipzig) & Christl Langer (Universität Leipzig): Longitudinale, interaktional-linguistische Unterrichtsforschung als Möglichkeit der Erforschung der Sprachentwicklung neuzugewanderter Schüler:innen in Schulen

Literatur zu Neuzuwanderung und Mehrsprachigkeit
Das LANDINGS-Netzwerk
LANDINGS steht für Language Development of Newly Immigrated Students in German Schools. Ziel des interdisziplinären und deutschlandweiten Netzwerks ist es, die sprachlichen Entwicklungsverläufe von Neuzugewanderten im deutschen Schulsystem zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der literalen Entwicklung, das heißt, auf den sprachlichen Fähigkeiten, die für das erfolgreiche Lernen in der Schule wichtig sind. Dabei sollen Erfolgsfaktoren identifiziert werden, um daraus Implikationen für die Bildungspraxis zu ziehen. Die LANDINGS-Webseite gibt einen Überblick über das Projekt.
Mitglieder der LANDINGS-Gruppe
- Prof. Dr. Christine Czinglar (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
- Dr. Sonja Eisenbeiß (Germanistische Sprachwissenschaft, Universität zu Köln)
- Dr. Katja Feigenspan (Didaktik der Biologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
- Prof. Dr. Jana Gamper (Deutsch als Zweitsprache, Justus-Liebig-Universität Gießen)
- Prof. Dr. Kristin Kersten (Mehrsprachigkeitsdidaktik, Universität Mannheim)
- Dr. Gunde Kurtz (BBS Pirmasens)
- Prof. Dr. Karin Madlener-Charpentier (Deutsch als Fremdsprache, Justus-Liebig-Universität Gießen)
- Prof. Dr. Nicole Marx (Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Mercator-Institut, Universität zu Köln)
- Prof. Dr. Magdalena Michalak (Didaktik des Deutschen als Zweitsprache, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
- Prof Dr. Julia Ricart-Brede (Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache, Universität Passau)
- Julia Schlauch (Deutsch als Zweitsprache, Justus-Liebig-Universität Gießen)
- Dr. Nicole Schumacher (Deutsch als Zweitsprache, Humboldt Universität Berlin)
- Dr. Matthias Schwendemann (Linguistik des Deutschen als Fremdsprache, Herder-Institut, Universität Leipzig)
- Leonie Twente (Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, Universität zu Köln)
- Dr. Gisela Will (Migration, Leibnitz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), Bamberg)
- Prof. Dr. Katrin Wisniewski (Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Herder-Institut, Universität Leipzig)
Partnerschaften
- Dr. Lina Abed Ibrahim (Pädagogik bei Beeinträchtigung von Sprache und Kommunikation, Universität Flensburg)
- Prof. Dr. Solveig Chilla (Pädagogik bei Beeinträchtigung von Sprache und Kommunikation, Universität Flensburg)
- Prof. Dr. Christine Dimroth (Germanistische Sprachwissenschaft, Universität Münster)
- Prof. Dr. Natalia Gagarina (Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin)
- Prof. Dr. Johanne Paradis (Linguistics, University of Alberta, Edmonton/Canada)

Der Sprachnaschgarten des Bürgervereins Duisburg Großenbaum/Rahm e.V.
Mein persönlicher Sprachspinat-Tipp
Wie bereits in einem früheren Blogbeitrag erläutert, können Gartenprojekte einen wichtigen Beitrag zur sprachlichen Entwicklung Neuzugewanderter leisten. Heute möchte ich zwei weitere aktuelle Projekte zur Sprachbildung im Garten vorstellen: OLGEA und den Sprachnaschgarten in Duisburg/Großenbaum-Rahm, mit dem ich kooperiere.
OLGEA ist ein Erasmus+ Projekt mit Beteiligten aus 4 Ländern:
- Inter-kulturo d.o.o., Slowenien www.interkulturo.si
- Univerza v Mariboru, Slowenien www.um.si
- Osnovna škola Retkovec, Kroatien www.os-retkovec-zg.skole.hr
- Osnovna šola Janka Glazerja Ruše, Slowenien www.glazer.si
- Studio Gaus GmbH, Deutschland www.studiogaus.com
- Klaipėdos Hermano Zudermano gimnazija, Litauen www.hzg.lt
Das Projekt soll Lehrkräfte dazu ermutigen und befähigen, den Deutschunterricht nach draußen zu verlegen und dabei neue Wege der Sprachvermittlung zu gehen. Dabei sollen Sprachlernen, Umweltbildung, Bewegung und soziale Kompetenzen miteinander verbunden werden. Hierzu wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt, im Unterricht erprobt und kostenlos auf der OLGEA-Webseite zur Verfügung gestellt.
Während sich OLGEA dem Deutscherwerb außerhalb Deutschlands widmet, soll der im Entstehen begriffene Duisburger Sprachnaschgarten den Erwerb des Deutschen und anderer Sprachen hier in Deutschland fördern. Angelegt wird er vom Bürgerverein Duisburg Großenbaum/Rahm e.V., unterstützt von der Aktion Mensch, der Sparkasse Duisburg und dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW. Der Sprachnaschgarten soll ein naturnaher Lern- und Erlebnisort mit Angeboten zur Sprachförderung sein. Erste Schritte zur Bepflanzung sind bereits getan. Ich freue mich sehr, dass ich den Sprachnaschgarten durch Beratungsgespräche und durch pädagogische Workshops in der kommenden Gartensaison unterstützen kann. Mehr dazu demnächst auf dem Sprachspinat-Blog.
Beitragsbild: Universität Trier, Hauptcampus (Gaggafuto, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/79/University_of_Trier_Main_Campus.jpg)
Universität Trier, Hauptcampus (Gaggafuto, CC BY-SA 3.0